Der Treffpunkt zum Interview ist bereits Programm: die erste Schwarze Bibliothek Nordrhein-Westfalens, die Theodor Wonja Michael Bibliothek in Köln, ein Bildungs-, Kultur- und Begegnungsort mit Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Literatur. Und schnell wird klar, dass sich Melane nicht nur als Sängerin oder Künstlerin sieht, sondern auch als gesellschaftspolitisch kritisch engagierte Aktivistin. Aus diesem Grund hat sie Afrikanistik und Mehrsprachige Kommunikation studiert und zudem eine Ausbildung zur Fremdsprachenassistentin absolviert. 2024 gewann sie in der Kategorie „Self Producing Artist“ den Female* Producer Price. Im Gespräch erzählt sie, warum es fast zweimal zwanzig Jahre gedauert hat, bis sie endlich wusste, was sie wollte.
Text: Christoph Schumacher
Melane Nkounkolo wurde 1986 in Deutschland geboren, wohin ihre Eltern aus dem Kongo gezogen waren. Ihre Kindheit war geprägt von Musik und Musikschaffenden aus dem Kongo wie Tshala Muana, bekannt als die „Königin des Mutuashi“, und Papa Wemba, dem „King of Rumba Rock“. „Die Musik, mit der ich zu Hause aufgewachsen bin, fand ich teilweise richtig nervig. Da war nur Getrommel, und ich verstand oft noch nicht mal die Sprache. Das klang so meditativ, und als Kind habe ich mich gefragt: ‚Was ist das?‘“, erzählt sie.
Aufgewachsen mit fünf Geschwistern in Heiligenhaus, einem Ort im Kreis Mettmann, zwischen Düsseldorf und Essen, macht Melane bereits früh Rassismuserfahrungen, weshalb sie versucht, nicht aufzufallen. „Damals war afrikanische Musik kein Mainstream wie heute. Wenn ich mit meinem Walkman im Bus saß, hatte ich schon Angst, dass man das hören kann. Es gab auch Situationen, die ich bei meinen Eltern mitbekommen, aber nicht immer so ganz verstanden habe. Was ein Stück weit auch gut ist, das als Kind nicht zu verstehen.“ 2007 führt ein Schulabbruch sie nach Köln, wo sie beginnt, ihren musikalischen Ambitionen zu folgen. Ein Vorbild ist Abeti Masikini aus dem Kongo, die in den Achtzigern wie viele Künstlerinnen und Künstler aus Westafrika nach Frankreich übersiedelte. Masikini, die nur 39 Jahre alt wurde, war eine der ersten kongolesischen Frauen, die im Opera in Paris und in der New Yorker Carnegie Hall aufgetreten sind. Zehn Jahre lang singt Melane in Clubs, geht mit dem Coca-Cola-Truck auf Gospeltour und spielt mit Kölner Jazzmusikschaffenden. 2015 gründet sie die Internetplattform „Beautiful Colours“, deren Fokus auf Empowerment als Handlungsstrategie gegen Rassismus und Diskriminierung sowie der Sichtbarmachung gesellschaftlicher Benachteiligung aufgrund der Herkunft oder des vermeintlichen „Migrationsvordergrunds“ liegt.
„Du selbst musst die Person sein, die die Geschichte schreibt.“
Allmählich beginnt Melanes eigene musikalische Geschichte Gestalt anzunehmen. „Mit einem ersten Laptop habe ich mit Garage Band meine Musik ‚produziert‘ und Songs auf kongolesische Musik geschrieben“, fährt sie fort. „Mit dem Hintergedanken, du musst dir die Musik machen, auf die du selbst Bock hast. Die habe ich mir dann auf meinen MP3-Player gezogen und die Musik erst auch nur für mich gemacht. Als ich dann nach Köln gezogen bin, wollte ich unbedingt in eine Schwarze Community, in der in irgendeiner Form afrikanische Musik läuft, egal aus welchem Land. Die meisten Jazzmusiker – gerade mal fünfzig Jahre älter als ich – empfahlen mir, keine Musik an der Hochschule zu studieren. Hayden Chisholm zum Beispiel meinte, das würde nur Sinn machen, wenn man unterrichten will. Als Autodidaktin war ich dann auch verunsichert, weil ich dort saß und nicht in der Lage war, den weißen Herren, die Jazz studiert hatten, meine westafrikanische Musik und die Rhythmen zu erklären. Für mich war das einfach völlig normal. Mittlerweile kann ich darüber lachen, auch wenn ich keine Noten lesen kann. Trotzdem kann ich ganz genau sagen, wie was zu sein hat. Und ich kann halt alles vorsingen oder notfalls auch selbst einspielen.“
Trotz ihres Wunschs nach einer schwarzen Community landet Melane musikalisch erst mal beim Jazz „alter“ weißer Männer. 2017 singt sie erfolgreich als Gast bei Konzerten des Trios Three Fall sowie auf einem Album der Band und lernt per Zufall einen sie völlig faszinierenden Musiker kennen. „Manuel Banha vom Over the Border Festival hatte mich gefragt, ob ich bei der Künstlerbetreuung helfen könnte“, erzählt die Musikerin. „Und da Fatoumata Diawara in dem Jahr im Bonner Eröffnungskonzert des Festivals spielte, machte ich das natürlich gerne. Ich holte die Gruppe in Köln ab, um mit ihr nach Bonn zu fahren, und unterhielt mich auf der Fahrt mit den Schwarzen Bandmitgliedern. Der Weiße, dachte ich, sei Personal. Aber in dem Moment, als der Soundcheck lief, habe ich dann den Gitarristen Colin Laroche de Féline spielen hören. Das ging so rein in mein Herz, die Art und Weise, wie er spielt. Nicht mal, dass ich drüber nachgedacht hätte in dem Moment, aber ich wusste, wenn ich mal ein Album aufnehme, dann mit dieser Person. Und dann kam man irgendwie ins Gespräch … Wir tauschten da schon erste Ideen aus, und es war ganz klar, er spricht meine Sprache und ich scheinbar irgendwie auch seine. Colin ist die Person gewesen, die mich dazu inspiriert hat, ein eigenes Album aufzunehmen.“
Und damit kommt die Sprache auf Melanes 2025 erschienene Veröffentlichung Mirrors & Windows. „Manuel Schlindwein, in dessen Studio wir das Album produziert haben, inspirierte mich zu der Idee eines Intros“, beginnt sie. Und ‚Ebandeli‘ ist eine Mischung aus dem Stück ‚Youloulou‘ und Originaltönen der letzten Reise meiner Eltern in den Kongo. Mein Vater ist 2010 überraschend gestorben, und es gab diese Reise auf einer Videokassette, die ich im Keller fand, in der Sprache meines Vater, die ich nicht verstehe, mit auch alltäglichen Szenen aus Brazzaville von der Straße und einfach aus dem Leben dort. Das geht direkt über in den Anfang von ‚Youloulou‘, dem ersten Song, an dem ich mit Colin gearbeitet hatte. Er kannte das Stück irgendwie schon, und es ist dann der letzte Titel des Albums geworden, den ich mit einem neuen Text zu Ende geschrieben habe.“
Auf Mirrors & Windows hätten die Texte eine sehr wichtige Bedeutung, erklärt Melane, weil es um die Sichtbarkeit von Geschichten ginge. „Ich glaube, es ist wichtig, dass Geschichten gehört werden. Meine Geschichte ist auch lange Zeit davon geprägt gewesen, sich selbst nicht zu lieben oder sich nicht zu akzeptieren und sich zu verstecken. Und in meiner Geschichte stecken wieder viele andere Geschichten, die meiner Mutter zum Beispiel. Der Songtitel ‚Mikiliste‘ kommt von ‚Welt‘ beziehungsweise ‚Erde‘ in Lingala. ‚Mikiliste‘ nannte man jemanden, der die Welt bereist. In den Achtzigerjahren wollten viele in Frankreich ein besseres Leben finden. Und die Familie im Kongo dachte sich dann: Der hat es geschafft, der ist jetzt da, der hat jetzt Geld. Da gibt es sehr viele Schicksale, die alles andere als erfolgreiche Geschichten waren. ‚Mikiliste‘ erzählt die Geschichte meines Bruders, der 2007 abgeschoben wurde.“
Im Song „A Ticket To Somewhere“ geht es um ein ganz anderes Gefühl. Melane: „Manchmal denke ich mir, was wäre, wenn ich im Auto sitze und nicht nach Hause fahre, sondern einfach nur geradeaus und ich komme einfach irgendwann irgendwo an. Oder auch mit der Bahn – sich einfach ein Ticket kaufen, egal wohin. ‚Kwa Heri‘ wiederum erzählt von meiner Schwester. Es geht um psychische Erkrankungen. In der Gesellschaft sind Menschen, die in irgendeiner Form nicht normal sind, nicht gern gesehen. Du bist ein guter Mensch, solange du gesund bist und funktionierst. Der Leitsatz oder die Philosophie hinter ‚Kwa Heri‘ ist, dass ein Kind, das nicht von seinem Dorf umarmt wird, es niederbrennen wird, um die Wärme zu spüren. Und das sehe ich nicht nur bei meiner Schwester, das sehe ich auch bei vielen anderen Menschen. Es ist eine heftige Aussage, aber ich spreche hier als jüngstes Kind der Familie, das viele Dinge gesehen, aber nicht verstanden hat. Direkt im zweiten Song, ‚Kuéle Kuéle‘, geht es um das Gefühl, schneller erwachsen zu werden. Ich habe als kleines Kind gefühlt Entscheidungen getroffen wie eine erwachsene Person. Ich brauchte Freiheit. Denn wenn ich andere, deutsche Kinder in meinem Alter gesehen habe – die durften teilweise mehr und waren irgendwie freier. Ich wollte das auch. Du darfst dich tätowieren lassen, piercen lassen, du darfst da raus … Wir sind insgesamt fünf Kinder in unserer Familie, und unsere Charaktere sind sehr unterschiedlich. Ich wollte immer ein freier Vogel sein und schneller erwachsen werden.“
Der Song „I Am I“ ist Melane ebenfalls sehr wichtig. „So simpel das klingt, für viele ist es nicht selbstverständlich, in dieser Gesellschaft zu sich selbst zu stehen und zu sagen: Ich bin ich. Wenn ich mit dem Song auf der Bühne stehe, nutze ich die Gelegenheit zu sagen, dass es immer noch passieren kann, aufgrund seiner Hautfarbe sein Leben zu verlieren. Ich zähle Namen auf, Sonja aus Berlin, Lorenz A., Nelson, Mohamed Dramé oder Oury Jalloh – das Thema Polizeigewalt spielt eine Rolle hier in dieser Gesellschaft. Ich blicke genauso auf queere Menschen und habe selbst auch online Anfeindungen, Hasskommentare und sonstige Geschichten erlebt. Das ist kein leichtes Thema in der Schwarzen Community. Ich kann ein guter Verstärker dieser Geschichten sein, weil ich mittlerweile weiß, dass du selbst die Person sein musst, die die Geschichte schreibt.“ Melanes Schlussfolgerung ist getreu dem Zitat des nigerianischen Schriftstellers Chinua Achebe, der auch Leitsatz der Theodor Wonja Michael Bibliothek ist: „Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger verherrlichen.“
Am Ende des Gesprächs wagt Melane einen Blick in die Zukunft zwischen Broterwerb und Traum. „Ich träume davon, dass die Geschichte der Helden in Mirrors & Windows weitererzählt wird. Gleichzeitig arbeite ich schon an der nächsten EP. Ich habe zu Hause noch zahlreiche Geschichten, die erzählt werden möchten, und Musik, die raus möchte. Ich will einfach Musik machen – nur um der Musik willen. Und im Hinblick auf das Showkonzept habe ich mir viele Sachen überlegt, die zum Teil von der Initiative Musik gefördert werden. Darüber hinaus bin ich auf verschiedensten Kanälen aktiv. In der heutigen Sprache würden einige Menschen mich als Influencerin bezeichnen. Aber ich habe schon angefangen, diese Sachen zu machen, bevor das ‚Influencing‘ war. Zwanzig Jahre habe ich jetzt gebraucht, um zu wissen, was ich machen will.“












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